Hafis - Meines Körpers Staub verhüllt als Schleier

 

Meines Körpers Staub verhüllt als Schleier

das Antlitz meiner Seele.

Willkommen, Augenblick, da ich von diesem Antlitz

den Schleier nehme!

Solche Kerkerschaft ist meinem Liede

nicht angemessen.-

Ich will ins Paradies aufbrechen,

bin ich der Vogel doch für jene Wiese!

Es wurde mir nicht offenbar,

warum ich kam, wohin ich ging:

O Schuld und Gram, denn ohne Kenntnis

bin ich von meinem wahren Sein!

Wie soll ich den Himmelszonen kreisen,

da ich im irdischen Zuhaus

ein fest gefügter Teil bin!

Verwechsle meines Hemdes goldenen Saum

nicht mit dem Kerzenschein, -

ich weiß von Schmerzen, die

im Inneren des Hemdes brennen!

Komm, komm, nimm Hafis’ Leben fort!

Solang du bist,

wird keiner es vernehmen,

dass ich mich auf mein Ich berufe!

 

(Hafis; Liebesgedichte; Insel Verlag 1980; S. 30)

 

 

Hafis - The Sun in Drag

 

You are the Sun in drag.

You are God hiding from yourself.

Remove all the “mine? – that is the veil.

Why ever worry about

Anything?

Listen to what your friend Hafiz

Knows for certain:

The appearance of this world

Is a Magi’s brilliant trick, though its affairs are

Nothing into nothing.

You are a divine elephant with amnesia

Trying to live in an ant

Hole.

Sweetheart, O sweetheart

You are God in

Drag!

 
(Hafiz; The Gift, Poems by Hafiz the great Sufi Master; Penguin Group 1999, S. 252)