Karl Gjellerup - Der Pilger Kamanita

 

Nach langer Wanderung trifft der Pilger Kamanita in einem Nachtlager auf Buddha. In einem langen Gespräch erzählt er ihm von seinem Leben, und im Gegenzug erklärt ihm der Mönch seine Lehre, die Kamanita jedoch erst später begreift und die ihn schließlich ins Nirwana führt.

Karl Gjellerups buddhistischer Roman vermittelt eindrucksvoll die Athmosphäre indischen Lebens und Glaubens am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert und war eine bedeutende Inspirationsquelle für Hermann Hesses "Siddhartha".

 

Hier eine Leseprobe:

 

XIX. DER MEISTER  (S.  137  ff)

 

Und der Erhabene sprach: "Der Vollendete, Bruder, der vollkommen

Erwachte hat zu Benares, am Sehersteine im Gazellenhain, das Rad der

Lehre ins Rollen gesetzt. Und dawiderstellen kann sich kein Asket und

kein Priester, kein Gott und kein Teufel, noch irgendwer in der Welt.

Sie ist die Enthüllung, die Offenbarung der vier heiligen Wahrheiten.

Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der heiligen Wahrheit

von der Leidensentstehung, der heiligen Wahrheit von der

Leidensvernichtung, der heiligen Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung

führenden Pfad.

 

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit vom Leiden? Geburt ist

Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden;

Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden; von Liebem

getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist Leiden; das,

was man begehrt, nicht erlangen, ist Leiden; kurz, die verschiedenen

Formen des Anhangens sind Leiden. Das heißt man, Bruder, die heilige

Wahrheit vom Leiden.

 

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung? Es

ist dieser Durst, der von Wiedergeburt zu Wiedergeburt führende, von

Lust und Leidenschaft begleitete, bald da, bald dort sich ergötzende,

ist der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst. Das nennt

man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung.

 

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung?

Es ist eben dieses Durstes vollkommene, restlose Vernichtung, das

Verlassen, das Sichlosmachen, die Befreiung, die Erlösung von ihm. Das

nennt man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung.

 

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von dem zur

Leidensvernichtung führenden Wege? Dieser heilige, achtfältige Pfad ist

es, der da besteht in rechtem Erkennen, rechtem Entschließen, rechter

Rede, rechtem Handeln, rechtem Wandeln, rechtem Streben, rechtem

Gedenken, rechtem Sichversenken. Das nennt man, Bruder, die heilige

Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung führenden Wege."

 

Nachdem nun der Meister auf solche Weise die vier Ecksteine errichtet

hatte, ging er daran, das ganze Lehrgebäude aufzuführen, zu einem

wohnlichen Heim für die Gedanken und Gesinnungen seines Schülers; er

erläuterte jeden einzelnen Satz, wie man jeden einzelnen Stein behaut

und glättet, und so wie man Stein auf Stein legt, fügte er Satz zu Satz,

überall sorgfältig grundlegend und Alles genau aneinander passend. Der

Säule des Leidensgedankens zur Seite stellte er die Säule des

Vergänglichkeitsgedankens; beide verbindend und von beiden getragen,

schloß sich aber als Gebälk der schwerwiegende Gedanke von der

Wesenlosigkeit aller Erscheinungen an. Durch solch mächtiges Portal

stieg er, seinen Schüler behutsam führend, Schritt für Schritt die

wohlgefügte Stufenleiter des Grundfolgegesetzes mehrmals auf und ab,

überall befestigend und vervollkommnend.

 

Und wie ein geschickter Baumeister beim Errichten eines Prachtgebäudes

an passenden Stellen Bildwerke einfügt, und zwar so, daß sie nicht nur

als Schmuck, sondern auch als tragende oder stützende Teile dienen, also

brachte der Erhabene auch manchmal ein gefälliges und sinniges Gleichnis

an, da ja durch ein Gleichnis oft der dunkle Sinn einer tiefgedachten

Rede klar wird.

 

Schließlich aber faßte er das Ganze zusammen, indem er ihm gleichsam die

deckende, weithin leuchtende Kuppel aufsetzte, und sprach:

 

"Durch Haften, o Pilger, kommst du zum Entstehen; durch Nichthaften

kommst du nicht zum Entstehen.

 

Ein Mönch aber, der nirgend anhänglich haftet, dem geht in der

ungetrübten Heiterkeit seines Gleichmutes dieses Schauen auf:

Unerschütterlich ist meine Erlösung, dies ist die letzte Geburt, nicht

gibt es ferner ein neues Sein.

 

So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten Weisheit

belehnt. Das ist ja, Pilger, die höchste, heilige Weisheit: alles Leiden

versiegt zu wissen. Wer ihrer teilhaftig geworden, der hat eine Freiheit

gefunden, die wahrhaft, unantastbar besteht. Denn das, Pilger, ist ja

falsch, was eitel und vergänglich ist: und das ist wahr, was echt und

unvergänglich' ist: die Wahnerlöschung.

 

Und er, der von Hause aus der Geburt, dem Altern und dem Tode

unterworfen war, er hat nun, das Unheil dieses Naturgesetzes merkend,

sich die geburtlose, alterslose, todlose Sicherheit errungen; er, der

der Krankheit, dem Schmutze, der Sünde unterworfen war, hat die

unvergängliche, reine, heilige Sicherheit erreicht:

 

Im Erlösten ist die Erlösung, versiegt ist das Leben, gewirkt das Werk,

nicht mehr ist für mich diese Welt da.

 

Ein solcher, o Pilger, wird 'Endiger' genannt, denn er hat dem Leiden

ein Ende gemacht.

 

Ein solcher, o Pilger, wird 'Auslöscher' genannt, denn den Wahn von

'Ich' und 'Mein' hat er ausgelöscht.

 

Ein solcher, o Pilger, wird 'Ausroder' genannt, denn den Lebenstrieb hat

er mit der Wurzel ausgerodet, so daß kein Leben mehr keimen kann.

 

Ein solcher, solange er im Leibe ist, sehen ihn die Menschen und Götter;

nachdem aber sein Leib im Tode zerfallen ist, sehen ihn die Menschen und

Götter nicht mehr. Und auch die Natur, die Alles erspähende, sieht ihn

nicht mehr: geblendet hat er das Auge der Natur, entschwunden ist er der

bösen.

 

Den Strom des Werdens durchkreuzend, hat er die Insel erreicht, die

einzige, das Jenseits von Alter und Tod--das Nirvana."

 

 

XXXIV. DIE SPEERHÖLLE (S. 225 ff)

 
Ich stand heute--hub er an--ein paar Stunden nach Sonnenaufgang am

Waldesrande und spähte nach den Türmen Kosambis hinüber, meine Rache an

Satagira im Sinne, und die Frage erwägend, ob du mir wohl die

erwünschten Aufklärungen bringen würdest: als ich auf der Straße, die

vom östlichen Stadttor zum Walde führt, einen einsamen, in einen gelben

Mantel gehüllten Wanderer gewahr wurde, der rüstig einherschritt. Zu

beiden Seiten des Weges aber waren Hirten und Landleute mit ihren

Arbeiten beschäftigt. Und ich sah nun, wie diejenigen, die dem Wege am

nächsten waren, jenem einsamen Wanderer etwas zuriefen, während auch die

weiter entfernten mit ihrer Arbeit innehielten, ihm nachsahen und mit

Fingern auf ihn zeigten. Und die Nächststehenden schienen ihn, je weiter

er vorwärts schritt, um so eifriger zu warnen, ja aufhalten zu wollen,

indem einige ihm nachliefen und seinen Mantel ergriffen, und dann mit

eifrigen und entsetzten Gebärden nach dem Walde zeigten. Fast glaubte

ich hören zu können, wie sie ihm zuriefen: "Nicht weiter! Gehe nicht in

den Wald! Dort haust ja der schreckliche Räuber Angulimala."

 

Aber jener Wanderer schritt unbekümmert weiter, dem Walde zu. Und jetzt

sah ich an seinem Mantel und an seinem kahlgeschorenen Kopfe, daß es ein

Asket war, einer von denen, die dem Orden des Sakyersohnes angehören,

ein alter Mann von stattlicher Gestalt.

 

Und ich gedachte bei mir: "Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es!

Auf diesem Wege sind schon zehn Mann, ja dreißig und fünfzig Mann

vereint und bewaffnet ausgezogen und sind alle in meine Gewalt geraten:

und dieser Asket da kommt allein, wie ein Eroberer heran!"

 

Und es verdroß mich, daß er so offen meiner Macht Hohn sprach. So

entschloß ich mich denn, ihn zu töten, um so mehr, als ich mir dachte,

möglicherweise sei er als Späher von Satagira in den Wald geschickt.

Denn diese Asketen--so meinte ich--sind ja alle heuchlerisch und feil

und lassen sich zu Allem gebrauchen, indem sie auf die Sicherheit bauen,

die sie durch den Aberglauben des Volkes genießen--denn so hatte ich von

meinem gelehrten Freunde Vajaçravas gelernt, die Sache zu betrachten.

 

Schnell entschlossen ergriff ich meinen Speer, hängte Bogen und Köcher

um und ging dem Asketen, der jetzt in den Wald eingetreten war, Schritt

für Schritt nach.

 

Als ich aber eine günstige Stelle erreicht hatte, wo keine Bäume uns

trennten, blieb ich stehen, nahm den Bogen von der Schulter und schoß

einen Pfeil so ab, daß er dem Wanderer in die linke Seite des Rückens

eindringen und sein Herz durchbohren mußte; aber er flog über den Kopf

des Asketen dahin.

 

"Da muß sich unter meine Pfeile ein ganz schlechter verirrt haben,"

sagte ich mir, nahm meinen Köcher zur Hand und wählte einen schön

gefiederten, tadellosen Pfeil, mit dem ich so zielte, daß er dem Asketen

das Genick durchbohren mußte. Der Pfeil schlug aber links von ihm in

einen Baumstamm ein. Der nächste flog rechts von ihm vorbei, und so ging

es mit allen Pfeilen, bis mein Köcher geleert war.

 

"Unbegreiflich, außerordentlich ist das!" dachte ich bei mir. "Habe ich

mich doch oft damit belustigt, einen Gefangenen mit dem Rücken an einen

Zaun zu stellen und die Pfeile so nach ihm zu schießen, daß, nachdem er

zur Seite getreten, der ganze Umriß seines Körpers durch die im Zaune

steckenden Pfeile abgezeichnet war--und das auf eine noch größere

Entfernung. Bin ich doch gewohnt, mit meinem Pfeil den Adler im vollen

Flug aus der Luft zu holen. Was fehlt denn heute meiner Hand?"

 

Unterdessen hatte jener Asket einen ziemlichen Vorsprung gewonnen, und

ich begann hinter ihm her zu laufen, um ihn mit dem Speere zu töten.

Nachdem ich ihm aber auf etwa fünfzig Schritte nahe gekommen war, gewann

ich ihm keinen Schritt mehr ab, obschon ich mit aller Macht rannte,

jener Asket aber ganz gemach vorwärts zu schreiten schien.

 

Da sagte ich zu mir selber: "Wahrlich, dies ist noch das Wunderbarste

von Allem! Habe ich doch sonst oft den scheuen Ilfen und den flüchtigen

Hirsch eingeholt, und diesen gemach dahinschreitenden Asketen kann ich

jetzt, mit aller Macht laufend, nicht einholen. Was fehlt denn heute

meinen Füßen?"

 

Und ich blieb stehen und rief ihm zu:

 

"Stehe, Asket! Stehe!"

 

Er aber schritt ruhig weiter und rief zurück:

 

"Ich stehe, Angulimala! Stehe auch du!"

 

Da wunderte ich mich denn wieder gar sehr und dachte: "Offenbar hat

dieser Asket soeben durch irgend einen Wahrheitsakt mein Pfeilschießen

vereitelt, durch irgend einen Wahrheitsakt mein Laufen vereitelt. Wie

kann er denn also jetzt eine offenbare Unwahrheit sagen, indem er zu

stehen behauptet, während er doch geht, mich aber zum Stehenbleiben

auffordert, obschon er sehr wohl sieht, daß ich bereits so still stehe

wie dieser Baum? So würde wohl die fliegende Gans zur Eiche sagen: 'Ich

stehe, Eiche! Stehe auch du!' Sicher muß also hier etwas dahinter

stecken. Wohl möchte es mehr wert sein, den geheimen Sinn dieser

Asketenworte zu verstehen als einen Asketen zu töten."

 

Und ich rief ihm zu:

 

"Wandelnd wähnst du dich stätig, Asket, und mich, der stätig, wähnst du

wandelnd. Erkläre mir das, Asket! Wie bist du stätig, wie bin ich

unstät?" Und er antwortete mir:

 

"Ich, der ich keinem Wesen Leides antue, bin beständig, wandle nicht

mehr; du aber, der du gegen die Wesen wütest, mußt ruhelos von

Leidensort zu Leidensort wandeln."

 

Ich antwortete wieder:

 

"Daß wir immer wandeln, habe ich wohl gehört. Das vom Beständigsein, vom

Nachtwandeln verstehe ich aber nicht. Wolle, Ehrwürdiger, mir das kurz

Gesagte ausführlich erläutern. Sieh, ich habe meinen Speer von mir getan

und feierlich schwöre ich dir: ich schenke dir Frieden!"

 

"Zum zweiten Male, Angulimala," sagte er, "hast du falsch geschworen."

 

"Zum zweiten Male?"

 

"Das erste Mal geschah es bei jenem falschen Wahrheitsakt."

 

Das schien mir nun nicht der Wunder geringstes, daß er um jene geheime

Sache wußte; aber ohne mich dabei aufzuhalten, beeilte ich mich, meine

schlaue Handlung zu verteidigen.

 

"Meine Worte, Ehrwürdiger, waren da freilich gleichsam auf Schrauben

gestellt, aber mit den Worten beschwor ich nichts Falsches, nur der Sinn

war täusehend. Das aber, was ich dir schwöre, ist sowohl den Worten wie

dem Sinne nach wahr."

 

"Nicht doch," antwortete er, "denn du kannst mir keinen Frieden

schenken. Wohl dir, wenn du dir von mir den Frieden schenken ließest."

 

Dabei hatte er sich umgewandt und winkte mir freundlich, heranzutreten.

 

"Gern, Ehrwürdiger," sagte ich demütig.

 

"So höre denn und gib wohl acht!"

 

Er setzte sich im Schatten eines großen Baumes nieder und hieß mich zu

seinen Füßen Platz nehmen.

 

Und er fing an, mich über gute und böse Taten und über ihre Folgen zu

belehren, indem er mir Alles ausführlich auseinandersetzte, so wie man

zu einem Kinde spricht. Denn ich war ja ganz ungelehrt, während sonst

Asketenschüler meistens Brahmanenjünglinge sind, die sogar den Veda

kennen. Ich aber hatte so tiefgedachten Reden nie gelauscht, seitdem ich

im nächtlichen Walde zu den Füßen Vajaçravas' gesessen, von dem ich dir

schon erzählt habe, und den du wohl auch sonst hast nennen hören.

 

Als nun aber dieser Asket mir offenbarte, daß nicht eine willkürliche

Göttermacht, sondern unser eigenes Herz allein durch seine Gedanken und

Taten uns hier und dort geboren werden läßt, bald auf Erden, bald in

einem Himmel, bald wieder in einer Hölle--da mußte ich eben an jenen

Vajaçravas denken, wie er uns durch Vernunftgründe und mittelst der

Schrift bewies, daß es keine Höllenstrafen geben könne, und daß alle

darauf bezüglichen Stellen in der heiligen Schrift von den schwachen und

feigen Seelen in dieselbe hineingeschmuggelt seien, um die starken und

mutigen durch solche Drohungen einzuschüchtern und dadurch sich vor der

Gewalttätigkeit der letzteren zu schützen.--"Freund Vajaçravas," dachte

ich, "hat mich niemals so ganz überzeugen können. Ob wohl dieser Asket

es vermag? Hier steht eben Meinung gegen Meinung, Gelehrter gegen

Gelehrten. Denn selbst, wenn auch dieser Asket einer der großen Jünger

des Sakyersohnes sein sollte, so wurde ja auch Vajaçravas von seinen

Anhängern hochgepriesen, und jetzt, nach seinem Tode, wird er sogar vom

gemeinen Volke als ein Heiliger verehrt. Wer will also entscheiden, wer

von diesen beiden recht hat?"

 

"Du bist nicht mehr ganz bei der Sache, Angulimala," sagte da der Asket:

"du denkst an jenen Vajaçravas und an seine Irrlehren."

 

Sehr verwundert gab ich das zu.

 

"So hat denn der Ehrwürdige auch meinen Freund Vajaçravas gekannt?"

 

"Man hat mir sein Grab vor dem Tore gezeigt, und ich sah, wie dort

törichte Reisende ihr Gebet verrichteten in dem Wahne, er sei ein

Heiliger"

 

"So ist er denn kein Heiliger?"

 

"Nun, wir wollen, wenn es dir so scheint, ihn aufsuchen und sehen, wie

es ihm mit seiner Heiligkeit nun geht."

 

Der Asket sagte dies, als ob es sich darum handele, von einem Hause ins

andere zu gehen. Ganz bestürzt starrte ich ihn an:

 

"Ihn aufsuchen? Vajaçravas? Wie wäre denn das möglich?"

 

"Gib mir deine Hand," sprach er. "Ich werde mich in jene

Selbstvertiefung versenken, durch die in einem standhaften Herzen der zu

den Göttern und der zu den Dämonen führende Weg sichtbar werden. Da

wollen wir denn seiner Fährte folgen, und was ich sehe, wirst auch du

sehen."

 

Ich reichte ihm meine Hand. Eine Weile saß er schweigend da, die Augen

gesenkt, die Pupillen nach innen gerichtet, und ich spürte nichts.

Plötzlich aber war es mir, wie es wohl einem Schwimmer sein mag, wenn

der Dämon, der im Wasser haust, seinen Arm ergreift und ihn nach unten

zieht, so daß der blaue Himmel und die Bäume des Ufers verschwinden,

indem die Welle über seinem Kopfe zusammenschlägt, und immer tiefer

werdendes Dunkel ihn umgibt. Bisweilen aber loderte auch Flammenschein

um mich, und mächtiges Getöse dröhnte mir im Ohre.

 

Schließlich befand ich mich wie in einer ungeheuren Höhle, die ganz

dunkel war, jedoch durch unzählige kurz zuckende Blitze unruhig

beleuchtet wurde. Als ich mich etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatte,

entdeckte ich, daß diese Blitze von dem Erglänzen eiserner Speerspitzen

herrührten, die hin und her fuhren, als ob Lanzen von unsichtbaren Armen

geschwungen würden--etwa in einer Geisterschlacht. Auch hörte ich

Schreie, aber nicht wilde und mutige wie von kampfestrunkenen Streitern,

sondern Schmerzensschreie und Stöhnen Verwundeter, die ich jedoch nicht

sah. Denn diese Schreckenslaute kamen aus dem Hintergrunde, wo das

Zucken der Lanzenspitzen einen einzigen zitternden und wirbelnden Nebel

bildete. Der Vordergrund aber war leer.

 

Hier traten nun aber drei Gestalten herein, von einem rechts

einmündenden, schwarzen Höhlenschlund gleichsam ausgespieen. Der Mann in

der Mitte war Vajaçravas; sein nackter Körper zitterte vom Kopf bis zu

den Füßen, als ob er heftig fröre oder vom Fieber geschüttelt würde.

Seine Begleiter hatten beide einen menschlichen Rumpf, der aber von

Vogelbeinen mit starken Krallen getragen wurde, während er bei dem einen

von einem Fischkopfe, bei dem anderen von einem Hundekopfe gekrönt war.

In den Händen trug jeder einen langen Speer.

 

Der mit dem Fischkopf sprach zuerst:

 

"Dies, Ehrwürdiger, ist die Speerhölle, wo du nach dem Spruch des

Höllenrichters zehntausendjährige Strafe abzubüßen hast, indem du von

diesen zuckenden Speeren ununterbrochen durchbohrt wirst;--um dann je

nach deinen sonstigen Taten irgendwo wiedergeboren zu werden.

 

Dann sprach der mit dem Hundekopf:

 

"So oft sich, Ehrwürdiger, in deinem Herzen zwei Speere kreuzen, wisse,

daß dann tausend Jahre von deiner Höllenqual um sind."

 

Kaum hatte er dies gesagt, so schwangen beide Höllenwächter ihre Lanzen

und durchbohrten Vajaçravas. Wie auf ein gegebenes Zeichen zuckten jetzt

alle Speere ringsum auf ihn los und durchbohrten ihn mit ihren Spitzen

von allen Seiten, wie eine Schar von Raben sich über ein hingeworfenes

Aas wirft und ihre Schnäbel in das Fleisch hackt. Bei diesem

schrecklichen Anblick und den jammervollen Schreien, die Vajaçravas in

seiner Qual ausstieß, vergingen mir die Sinne.

 

Als ich wieder erwachte, lag ich im Walde, unter dem großen Baume, zu

Füßen des Erhabenen hingestreckt.

 

"Hast du gesehen, Angulimala?"

 

"Ich habe gesehen, o Herr."

 

Und ich wagte nicht einmal hinzuzufügen: "Errette mich!" Denn wie konnte

_ich_ begehren, errettet zu werden?

 

"Wenn du nun nach der Auflösung deines Leibes infolge deiner Taten auf

abschüssige Fährte gelangst, in höllische Welt, und der Richtender

Schatten über dich denselben Spruch ergehen läßt, und die Höllenwächter

dich in die Speerhölle zu derselben Strafe führen: geschieht dir dann

zuviel, Angulimala?"

 

"Nein, Herr, es geschieht mir nicht zu viel."

 

"Ein Wandel aber, von dem du selber gestehst, daß er gerechterweise zu

solchen, unausdenkbaren Qualen führt, ist das wohl, Angulimala, ein

Wandel, der wert ist, fortgesetzt zu werden?"

 

"Nein, o Herr! Diesem Wandel will ich entsagen, abschwören will ich

meine teuflischen Gewohnheiten um ein Wort deiner Wahrheit."

 

"Vor Zeiten einmal, Angulimala, hat der Richter der Schatten innig

erwogen: 'Wer da wahrlich Übeltaten in der Welt verübt, wird mit solchen

mannigfachen Strafen gestraft. O, daß ich doch Menschentum erreichte,

und daß ein Vollendeter, ein vollkommen erwachter Buddha in der Welt

erschiene, und ich um ihn, den Erhabenen, sein könnte: und daß er, der

Erhabene, mir die Satzung darlegte, und daß ich sie verstände!'

 

Was nun jener Richter der Schatten sich so innig erwünschte, das ist

dir, Angulimala, geworden. Du hast das Menschentum erreicht. Gleichwie

aber, Angulimala, auf diesem indischen Festlande nur wenig freundliche

Haine, herrliche Wälder, schöne Hügel und liebliche Lotusteiche sich

befinden, sondern im Vergleich damit reißende Flüsse, Urwälder, öde

Felsgebirge und dürre Wüsten bei weitem zahlreicher sind:

 

ebenso auch werden nur wenig Wesen unter den Menschen geboren im

Vergleich zu den weit zahlreicheren Wesen, die in anderen Reichen als

dem der Menschheit zum Dasein gelangen;--

 

ebenso auch sind nur wenige Geschlechter gleichzeitig mit einem Buddha

auf Erden, im Vergleich zu den weit zahlreicheren, zu deren Zeit kein

Buddha erstanden ist;--

 

ebenso auch wird es von jenen wenigen Geschlechtern nur wenigen Wesen

zuteil, den Vollendeten zu sehen, im Vergleich zu jenen weit

zahlreicheren, die ihn nicht sehen.

 

Du aber, Angulimala, hast Menschentum erlangt; und zwar zu einer Zeit,

wo ein vollkommener Buddha in der Welt erschienen ist, und du hast ihn

gesehen und du kannst um ihn, den Erhabenen, sein."

 

Als ich diese Worte vernahm, faltete ich die Hände und rief:

 

"Heil dir, o Heiliger! So bist du denn selber der vollkommen erwachte

Buddha! So hat denn das edelste der Wesen sich des schlechtesten

erbarmt! So willst denn du, Erhabener, mir erlauben, um dich zu sein?"

 

"Ich will's," antwortete der Erhabene. "Und so vernimm nun auch dieses:

 

ebenso gibt es unter den wenigen, die den Erhabenen sehen, nur wenige,

die seine Satzung hören, und von diesen nur wenige, die sie verstehen.

Du aber wirst die Satzung hören und verstehen. Komm, Jünger!"

 

Und der Erhabene war in den Wald hineingeschritten gleichwie ein

Elefantenjäger, der auf seinem zahmen Ilfen reitet. Er verließ aber den

Wald wieder, gleichwie ein Elefantenjäger den Wald verläßt, von einem

wilden, durch seine Kunst bezähmten Ilfen gefolgt.

 

So bin ich denn nun zu dir gekommen, Vasitthi: nicht der Räuber

Angulimala, sondern der Jünger Angulimala. Sieh, ich habe Speer und

Keule, Stock und Geißel von mir geworfen, habe Töten und Quälen

abgeschworen, und vor mir haben alle Wesen Frieden.

 

Anaconda Verlag, Köln, 2007

 

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