Gustav Meyrink - Das grüne Gesicht


Ein hervorragendes Einstiegsbuch in die Welt der Esoterik.

 

Leseprobe aus dem 5. Kapitel:

 

Eva van Druysen hielt den alten Schmetterlingssammler zurück, ehe sie mit ihm den übrigen folgte, die bereits in die Dachkammer Klinkherbogks hinaufstiegen.

"Verzeihen Sie, Herr Swammerdam, ich möchte Ihnen nur kurz eine Frage stellen, obwohl ich Sie eigentlich sehr viel zu fragen hätte. – Was Sie vorhin über Hysterie gesagt haben und über die Kraft, die in den Namen verborgen liegt, hat ich tief berührt, – aber andererseits –"

"Darf ich Ihnen einen Rat geben, Mejufrouw?" – Swammerdam blieb stehen und sah ihr ernst in die Augen. – "Ich begreife sehr wohl, dass das, was Sie vorhin mit angehört haben, Sie nur verwirren muss. Dennoch können Sie große Nutzen daraus ziehen, wenn Sie es als erste Lehre auffassen und geistige Unterweisung nicht bei andern suchen, sondern in sich selbst. Nur die Belehrungen, die der eigene Geist uns schickt, kommen zur rechten Zeit, und für sie sind wir reif. Für die Offenbarungen an andern müssen Sie taub und blind werden. Der Pfad zum ewigen Leben ist schmal wie die Schärfe eines Messers; Sie können andern weder helfen, wenn Sie sie taumeln sehen, noch dürfen Sie Hilfe von ihnen erwarten. Wer auf andere schaut, verliert das Gleichgewicht und stürzt ab. Hier gibt's kein gemeinsames Vorwärtsschreiten wie in der Welt, und so unbedingt nötig auch ein Führer ist: Er muss aus dem Reich des Geistes zu ihnen kommen. Nur in irdischen Dingen kann ein Mensch Ihnen als Führer dienen und seine Handlungsweise eine Richtschnur sein, um ihn zu beurteilen. Alles, was nicht aus dem Geist kommt, ist tote Erde, und wir wollen zu keinem andern Gott beten als zu dem, der sich in unsrer Seele offenbart."

"Wenn sich aber kein Gott in mir offenbart?" fragte Eva verzweifelt.

"Dann müssen Sie in einer stillen Stunde nach ihm rufen mit Aufgebot aller Sehnsucht, deren Sie fähig sind."

"Und dann, glauben Sie, wird er kommen? Wie leicht wäre das!"

"Er wird kommen! Aber – entsetzen Sie sich nicht: – zuerst als Rächer Ihrer früheren Taten, als der furchtbare Gott des Alten Testaments, der gesagt hat: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er wird sich offenbaren in plötzlichen Veränderungen Ihres äußern Lebens. Alles müssen Sie zuerst verlieren, sogar –" Swammerdam sagte es leise, als fürchte er sich, sie können es hören – "sogar Gott, wenn Sie ihn für immer von neuem finden wollen. – Erst, wenn Ihre Vorstellung von ihm – gereinigt von Gestalt und Form und jeglichem Begriff von Außen und Innen, Schöpfer und Geschöpf, Geist und Stoff ist, werden Sie ihn –"

"Sehen?"

"Nein. Niemals. Aber mit Seinen Augen werden Sie sich sehen. Dann sind Sie frei von der Erde, denn Ihr Leben ist in Seins eingegangen, und Ihr Bewusstsein ist nicht mehr vom Leibe abhängig, der wie ein wesenloser Schatten dem Grab entgegengeht."

"Welchen Zweck haben aber dann die Schläge des äußeren Lebens, von denen Sie sprechen? Sind sie eine Prüfung oder eine Strafe?"

"Es gibt weder Prüfungen noch Strafen. Das äußere Leben mit seinen Schicksalen ist nichts als ein Heilungsprozess, für den einen mehr, für den andern weniger schmerzhaft, je nachdem der Betreffende krank ist in seiner Erkenntnis."

"Und Sie glauben, wenn ich Gott anrufe, wie Sie sagen, wird sich mein Schicksal verändern?"

"Sofort! Nur wird es sich nicht 'verändern', es wird werden wie ein galoppierendes Pferd, das bis dahin im Schritt gegangen ist."

"Ist Ihr Schicksal denn so im Sturm abgelaufen? Sie verzeihen die Frage, aber nach dem, was ich über Sie gehört habe –"

"Ist es sehr eintönig dahingeflossen, meinen Sie, Mejufrouw", ergänzte Swammerdam lächelnd. "Erinnern Sie sich, was ich Ihnen vorhin gesagt habe?'Blicken Sie nie auf andere.' – Der eine erlebt eine Welt, und dem andern erscheint's eine Nussschale. Wenn Sie im Ernst wollen, dass Ihr Schicksal galoppiert, müssen Sie – ich warne Sie davor und rate es Ihnen zugleich, denn es ist das einzige, was der Mensch tun soll, und gleichzeitig das schwerste Opfer, das er bringen kann! – müssen Sie Ihren innersten Wesenskern, den Wesenskern, ohne den Sie eine Leiche wären (und sogar nicht einmal das), anrufen und ihm – befehlen, dass Er Sie den kürzesten Weg zu dem großen Ziel führt, – dem einzigen, das des Erstrebens wert ist, so wenig Sie es jetzt auch erkennen, – erbarmungslos, ohne Rast, durch Krankheit, Leiden, Tod und Schlaf hindurch, durch Ehren, Reichtum und Freude hindurch, immer hindurch und hindurch wie ein rasendes Pferd, das einen Wagen vorwärts reißt über Äcker und Steine hinweg und an Blumen und blühenden Hainen vorbei! Das nenne ich: Gott rufen. Es muss sein wie ein Gelöbnis vor einem lauschenden Ohr!"

 

Ullstein, 2004, S. 83 ff.

 

zu bestellen in der Buchhandlung Avalon ...