Der lebendige Hippokrates

Aus Maria Szepes, Academia Occulta, Die geheimen Lehren des Abendlandes, Die Praxis; Heyne 1994, S. 164 f

 

Hippokrates, so schreibt einer seiner hervorragendsten Biographen, Baisette, sei die Vervollkommnung der langen Anstrengungen des griechischen Denkens.

            Das Lebenswerk des Hippokrates stellt in seiner Gesamtheit eine wahre Enzyklopädie des Wissens seiner Epoche dar. Seine Prinzipien und Wegweiser werden die Basiswerte aller Zeiten bleiben.

            Nach Hippokrates hat die Heilkunst drei große Prinzipien:

 

1)      Natura medicatrix

 

Die Natur ist der Arzt der Krankheiten. Die Natur tut auch ohne Lernen und Wissen genau das, was notwendig ist. Die Natur heilt auf drei Arten:

  • Auf passive oder statische Weise durch Ruhe, Disziplin und Traum.
  • Auf aktive oder dynamische Weise durch körperliche Bewegung und reichhaltige Ernährung.
  • Schließlich durch Erregung und Reaktionen.

Dies sind allesamt vorgegebene Prozesse, die der Organismus in Gang bringt, um sich zu wehren. Der Arzt kann nichts Klügeres tun, als die Natur nachzuahmen beziehungsweise zu unterstützen, um den Patienten wieder in den Zustand des Gleichgewichts zu bringen.

 

 

2)      Contraria contrariis: die Heilmethode der Nutzung oppositioneller Wirkungen.

 

Die Therapie beziehungsweise das Medikament lässt sich stets aus der Krankheit an sich extrahieren.

Die natürliche Medizin gegen den Hunger ist die Ernährung, der Durst wird durch Getränke gelöscht, die Medizin der Völle ist die Entleerung, die der Leere das Auffüllen.

Das Gegenmittel der körperlichen Müdigkeit ist die Ruhe, das der Schlaffheit die körperliche Bewegung. Kurz: das Heilen ist in Wirklichkeit Auffüllen und Abzapfen, Ergänzen und Entlasten. Fehlendes muss ersetzt, Überschüssiges reduziert werden.

 

 

3)      Simila similibus: Gleiches mit Gleichem heilen

 

Mit dieser Methode, die auch eine Grundlage der Vakzinentherapie und der Homöopathie ist, hat Hippokrates erkannt, dass man den Krankheitserreger oft durch dessen Übersteigerung besiegen kann. Das Fieber, das aus einer Entzündung entstand, wird oft von dem ausgelöscht, was es hervorgerufen hat, manchmal aber auch durch das genaue Gegenteil.

 

 

Das Gesetz der Gegensätze und Ähnlichkeiten also, dessen zwei Prinzipien das Rückgrat der gesamten medizinischen Wissenschaft bilden, wurde von Hippokrates mit deutlicher, sutraähnlicher Bestimmtheit definiert. Die Gesundheit lässt sich danach mit Hilfe zweier gegensätzlicher Methoden wiederherstellen: Das, was nützt, ist völlig identisch mit dem, was schadet.

            Das heißt, dass die Dinge an sich nicht schädlich sind, sondern nur in ihren wechselseitigen Beziehungen, Schwächen oder bei Übergewicht gefährlich werden. Die Heilkunst aber besteht darin, diese destruktiven Aspekte in konstruktive Mischungen und sich gegenseitig ergänzendes Gleichgewicht zu transponieren.