Richard Bandler und John Grinder - Reframing

Ein ökologischer Ansatz in der Psychotherapie (NLP)


Junfermann Verlag, Paderborn, 2000, S. 13 ff

 

Leseprobe:
Einführung

Eine sehr alte chinesische Taogeschichte erzählt von einem Bauern in einer armen Dorfgemeinschaft. Man hielt ihn für gutgestellt, denn er besaß ein Pferd, mit dem er pflügte und Lasten beförderte. Eines Tages lief sein Pferd davon. All seine Nachbarn riefen, wie schrecklich das sei, aber der Bauer meinte nur, "vielleicht". Ein paar Tage später kehrte das Pferd zurück und brachte zwei Wildpferde mit. Die Nach­barn freuten sich alle über sein günstiges Geschick, aber der Bauer sagte nur, " vielleicht". Am nächsten Tag versuchte der Sohn des Bau­ern, eines der Wildpferde zu reiten; das Pferd warf ihn ab, und er brach sich ein Bein. Die Nachbarn übermittelten ihm alle ihr Mitgefühl für dieses Mißgeschick, aber der Bauer sagte wieder "vielleicht".

In der nächsten Woche kamen Rekrutierungsoffiziere ins Dorf, um die jungen Männer zur Armee zu holen. Den Sohn des Bauern wollten sie nicht, weil sein Bein gebrochen war. Als die Nachbarn ihm sagten, was für ein Glück er hat, antwortete der Bauer, "vielleicht..."

Die Bedeutung, die ein Ereignis hat, hängt ab von dem "Rahmen", in dem wir es wahrnehmen. Verändern wir den Rahmen, so verändern wir die Bedeutung. Zwei wilde Pferde zu haben, ist eine gute Sache, solange man sie nicht im Zusammenhang mit dem gebrochenen Bein des Sohnes sieht. Das gebrochene Bein scheint etwas Schlechtes im Zusammenhang mit dem friedlichen Dorfleben; aber im Zusammen­hang von Rekrutierung und Krieg wird es plötzlich etwas Gutes.

Das wird "Reframing" genannt: man wechselt den Rahmen, in dem ein Mensch Ereignisse wahrnimmt, um die Bedeutung zu verändern. Wenn sich die Bedeutung verändert, verändern sich auch die Reaktio­nen und Verhaltensweisen des Menschen .

 

Reframing ist nicht neu. Viele Fabeln und Märchen berichten von Ereignissen oder Verhaltensweisen, die ihre Bedeutung veränderten, als der Rahmen um sie herum wechselte. Das aus der Reihe fallende Küken scheint ein häßliches Entlein zu sein, aber es erweist sich als Schwan - viel schöner als die Enten, mit denen es sich verglichen hat. Reindeer Rudolfs lustige rote Nase wird nützlich, um Niklas' Schlitten durch die nebelige Nacht zu führen.

Umdeuten taucht auch in nahezu jedem Witz auf. Was als das eine erscheint, verwandelt sich plötzlich und wird etwas anderes.

1. "Was ist ganz grün und hat Räder?"

2. "Was haben Alexander der Große und Smokey der Bär gemeinsam?"

(Die Antworten stehen am Ende dieser Einführung)

Reframing ist auch das entscheidende Element im kreativen Prozeß: da ist es die Fähigkeit, ein ganz gewöhnliches Ereignis in einen neuen Rahmen zu stellen, der nützlich oder unterhaltsam ist. Ein Freund des Physikers Donald Glaser deutete auf ein Glas Bier und meinte scherz­haft: "Warum nehmen sie nicht das, um ihre subatomaren Teilchen aufzufangen?" Glaser schaute sich die Blasen an, die sich im Bier bilde­ten, und ging zurück in sein Labor, um die "Blasenkammer", ähnlich der Wilson'schen Nebelkammer, zu erfinden und so die Bahn der Teil­chen in hochgeladenen physikalischen Experimenten zu ermitteln. In "Der göttliche Funke" nennt Arthur Koestler diesen Prozeß "Bisozia­tion": die Fähigkeit, ein Ereignis simultan in zwei völlig getrennten und unterschiedlichen Zusammenhängen zu assoziieren.

In der allgemeinen Kommunikationstheorie gibt es das grundlegende Axiom, daß ein Signal lediglich in dem Rahmen bzw. Kontext, in dem es auftaucht, Bedeutung hat. Der Klang knirschender Schuhe auf einem belebten Gehweg ist von geringer Bedeutung; das gleiche Geräusch vorm Fenster, wenn man alleine im Bett liegt, bedeutet etwas völlig anderes. Genauso ist es mit dem Lichtsignal im Glockenturm. Für Paul Revere bedeutete es, daß die Briten kommen, und wie sie kommen: "Eins, wenn zu Land, und zwei, wenn zur See." Das Licht­signal hat nur im Sinne vorangegangener Vereinbarungen Bedeutung, durch die ein Rahmen hergestellt wird - ein innerer Kontext, der Bedeutung schafft.

Das Reframing ist im therapeutischen Zusammenhang weit verbrei­tet. Versucht ein Therapeut, seinen Klienten dazu zu bewegen, "die Dinge anders zu betrachten" oder "unter einem neuen Gesichtspunkt zu sehen" oder "andere Faktoren in Betracht zu ziehen", sind das Versuche, Ereignisse umzudeuten (zu reframen), um den Klienten zu einer anderen Reaktion auf sie zu veranlassen.

Explizite Konzepte des Reframing werden von einer Reihe Therapeu­ten verwendet, die glauben, das "Problemverhalten" ergäbe nur dann einen Sinn, wenn es in dem Kontext betrachtet wird, in dem es auf­taucht. Dazu gehören eine Reihe Therapeuten mit Familien- oder Systemorientierung, bemerkenswerterweise Paul Watzlawick und die Gruppe um das Mental Research Institute in Palo Alto, ]ay Haley und Saloador Minuchin und die Gruppe der Child Guidance Clinic in Phi­ladelphia. Diese Therapeuten verwenden generell, was im ersten Kapi­tel als "inhaltliches Reframing" beschrieben wird. Sie haben spezielle Reframinginterventionen entworfen wie die "Symptomverschreibung" und die "paradoxe Intervention", die wirkungsvoll das Verhalten umdeuten, um es zu verändern. Sie verwenden auch Techniken der direkten Intervention, um den äußeren physischen Kontext zu verän­dern, in dem das Verhalten auftritt.

Virginia Satir verwendet auf ihren "Parts Parties" und "Familienre­konstruktionen" eine Menge Reframings, von einfachen Neudefinitio­nen via Psychodrama zu ausgefeilteren Reframingprozeduren.

Carl Whitaker deutet mit nahezu allem um, was er den Familien, mit denen er arbeitet, sagt. Symptome werden in Leistungen oder Geschicklichkeiten umgedeutet, aus" Vernunft" wird Verrücktheit und aus "Verrücktheit" wird Vernunft.

...

Neu an diesem Buch ist eine ausführliche Beschreibung der grund­sätzlichen Struktur des Reframing; zusätzlich stellt es verschiedene Re­framing-Modelle vor. Es werden Schritt für Schritt spezifische Techni­ken gezeigt, um diese Modelle umzusetzen, und darüber hinaus Wege, um festzulegen, welches Modell für eine bestimmte Problemsituation am besten geeignet ist.

Es ist ein Buch über "fortgeschrittenes" Reframing. Die ersten drei Kapitel stellen verschiedene unterschiedliche alternative Modelle des Reframing vor, die in bestimmten Zusammenhängen und für bestimmte Problemarten nützlich sind. Die darauffolgenden Kapitel handeln vom Aufbau von Flexibilität beim Sechs-Schritt-Reframing (Kapitel vier), Reframing mit Paaren, Familien und mit anderen, grö­ßeren Systemen, wie z. B. wirtschaftlichen Organisationen (Kapitel fünf), Reframing mit Alkoholikern und anderen Beispielen dissoziier­ter Zustände (Kapitel sechs).

Reframing ist ein sehr effektives Werkzeug in der Kommunikation.

Dieses Buch löst es aus dem Bereich von Zufallstreffern und ordnet es in ein Set voraussagbarer und systematischer Interventionen, um Ver­haltensveränderungen zu erreichen.

Beim Lesen dieses Buches sollte man sich vergegenwärtigen, daß Bandler und Grinder gewöhnlich tun, worüber sie sprechen. Der scharfsinnige Leser wird in diesem Text weit mehr finden als das, wor­über gesprochen wird.

 

Connirae Andreas und Steve Andreas

 

Antworten auf die Scherzfragen:

1. "Gras ... die Räder hab ich erfunden!"

2. "Sie haben den gleichen Namen in der Mitte."