R. Masters und J. Houston - Bewusstseinserweiterung über Körper und Geist

 

Ein praktisches Übungsbuch

 

Kösel-Verlag, München, 1983, S. 26 ff

 

Leseprobe:

Der physische Körper und der erlebte Körper

 

Mit dem Begriff Körperbild meinen wir hier den Körper, sowie wir ihn empfinden. Im Idealfall schließt das Körperbild die gesamte Körperoberfläche und die Skelettgelenke mit ein. Zusätzlich zur kinästhetischen Bewußtheit unseres Körpers umfaßt das Körperbild auch unsere Erscheinung, wie wir uns sehen, wenn wir in den Spiegel oder auf verschiedene Körperteile schauen, und wie uns unserer Meinung nach die anderen sehen - was manchmal grundverschieden von dem sein kann, wie uns die anderen wirklich sehen. Das Körperbild ist ein Aspekt des größeren und umfassenderen Selbstbildes, das alles beinhaltet, was wir unserer Meinung nach sind.

 

Wie du sehen wirst, läßt sich leicht nachweisen, daß das Körperbild nicht notwendigerweise mit dem physischen Körper übereinstimmt, was idealerweise der Fall sein sollte. Manche Körperteile fehlen im Körperbild eines jeden Menschen, andere werden nur sehr undeutlich empfunden, und wiederum andere sind in unserem Bewußtsein in einer Weise repräsentiert, die die objektive Realität des Körpers verzerrt. Da wir immer in Übereinstimmung mit unserem Körperbild handeln, ist es von großer Wichtigkeit, daß wir dieses Körperbild so weit wie möglich dem objektiven Körper angleichen. (Dies trifft generell zu. Es gibt aber Sonderfälle, in denen ein Körperbild, das objektive Defekte oder Einschränkungen ausschließt, eine bessere Funktionsweise ermöglichen kann als ein dem objektiven Körper angepaßtes Körperbild).

 

Die im Körperbild enthaltenen Lücken, Bereiche der Unbestimmtheit und Verzerrungen werden auf verschiedene Weise erworben. Zu den Faktoren, die eine Ungleichheit zwischen dem objektiven und dem erlebten Körper hervorrufen, zählen Schmerzen, Nichtgebrauch und Mißbrauch des Körpers, sowie geistige und emotionale Schwierigkeiten. Sowohl der objektive Körper als auch das Körperbild werden in unzähliger Hinsicht durch das umfassendere Selbstbild beeinflußt, das ebenfalls seine Lücken und Verzerrungen besitzt.

 

Teile des Körpers sowie die Verbindungen zwischen ihnen verlieren sich langsam aus dem Körperbild, wenn sie nicht benutzt werden. Sexuelle Ängste und andere sexuelle Probleme können dazu führen, daß die Geschlechtsorgane aus dem Körperbild verschwinden oder nur blaß repräsentiert sind. Wir sind unter Umständen nicht in der Lage, ohne Hinsehen oder Berühren ihre Gegenwart zu spüren. Eine schizophrene Person kann ihre Körperempfindungen so vollständig verlieren, als ob die Nerven abgestumpft wären. Ein Mann, der einen Arm oder ein Bein verloren hat, kann trotzdem weiterhin das Empfinden haben, daß er diesen Arm oder dieses Bein besitzt. In diesem Fall behält das Körperbild etwas bei, was der physische Körper verloren hat. Selbst diejenigen, die sich bei bester Gesundheit und im Vollbesitz ihrer Kräfte wähnen, werden wahrscheinlich nicht in der Lage sein, ihre mittleren Zehen oder ihren Hinterkopf so klar zu spüren wie etwa ihre Lippen oder ihren großen und kleinen Zeh.

 

Im Falle der Zehen bedeutet der Mangel an klarer Empfindung, daß sie undifferenziert sind, unfähig zu eigenständiger Bewegung. Eine solche Unfähigkeit ist nicht etwas Natürliches. Sie hemmt die Biegsamkeit des Fuß- sowie des Knöchelgelenks und möglicherweise auch die anderer Gelenke, so daß das Gehen beeinträchtigt wird. Viele Frauen haben als Folge davon, daß sie enge, spitze Schuhe tragen, übereinanderliegende Zehen, was schließlich zu ernsthaften Gesundheitsschäden führen kann. Möglichst häufiges Barfußgehen fördert gesündere Füße und einen besseren Gang. Außerdem kann es dazu beitragen, Füße und Zehen im Körperbild deutlicher werden zu lassen.

 

Entsprechend wird überall dort, wo sich im Körperbild Lücken, Bereiche der Unbestimmtheit und Verzerrungen finden, die Funktionstüchtigkeit in unterschiedlichem Maße beeinträchtigt, und wenn wir lang genug leben, werden früher oder später ernsthafte Probleme auftreten. Umgekehrt aber werden dort, wo klare Bewußtheit herrscht, mit Sicherheit Funktionstüchtigkeit und Gesundheit die Folge sein. Ein angemessenes Körperbewußtsein ist auch eine Hauptgarantie gegen Verletzungen durch Unfälle. Wenn sich Sportler und Tänzer verletzen, dann häufig deswegen, weil es Lücken oder Verzerrungen in ihrem Körperbild gibt und sie sich deshalb Anstrengungen auferlegen, die sie sich, wenn sie richtig empfinden würden, nicht antäten. Dasselbe gilt auch für Verletzungen, die häufig bei alten Menschen auftreten, insbesondere für Fallverletzungen - es sei denn, sie werden durch Schwindel oder Kreislaufschwäche verursacht. Eine größere Bewußtheit des Körpers und ein Körperbild, das stärker dem objektiven Körper entspricht, dürften zahllose tragische Unfälle verhüten. Psychophysische Übungen lassen die Körperteile bewußt werden, die nicht oder nur schwach gespürt werden. Sie beseitigen auch die Verzerrungen im Körperbild. Wenn wir von unserem Körper vollständigeren Gebrauch machen, haben wir viel mehr Empfindungen und benutzen vermutlich früher gar nicht oder nur wenig benutzte Nervenbahnen. Wenn wir von unserem Körper guten Gebrauch machen, wird er sozusagen wieder im Geiste gegenwärtig, insbesondere dann, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Körperteile richten; die wir gerade benutzen, und auf die begleitenden Empfindungen nicht nur in diesen Körperteilen selber, sondern auch in anderen, weniger offenkundig beteiligten Körperteilen. Der kinästhetische Sinn wird korrigiert, wenn wir mit Hilfe der Bewegungen die verschiedenen Teile des Körpers wiederholt in einen Zustand bringen, der der optimalen Funktionsweise sehr viel mehr gerecht wird. Die Empfindungen, die durch eine gute Funktionsweise herbeigeführt werden, sind angenehm, diejenigen hingegen, die die Folge einer schlechten Funktionsweise sind - wenn sie überhaupt wahrgenommen werden -, unangenehm. Der kinästhetische Sinn und das Nervensystem im allgemeinen ziehen solche angenehmeren Zustände vor. Sie machen sie, wenn sie genügend häufig empfunden werden, zur Norm, und werden auch gegen Abweichungen von dieser Norm protestieren, da solche richtig als unangenehm empfunden werden.

 

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