R. Wilhelm und C. G. Jung - Geheimnis der Goldenen Blüte

Das Buch von Bewußtsein und Leben

Diedrichs 1986, S. 19 ff

 

Wie schon angedeutet, war die wesentliche Veranlassung, einen neuen Weg einzuschlagen, der Umstand, daß mir das Grundproblem des Patienten unlösbar erschien, wenn man nicht die eine oder die andere Seite seines Wesens vergewaltigen wollte.

Ich arbeitete stets mit der temperamentmäßigen Überzeugung, daß es, im Grunde genommen, keine unlösbaren Probleme gebe. Und die Erfahrung gab mir insofern recht, als ich des öftern sah, wie Menschen ein Problem einfach überwuchsen, an dem andere völlig scheiterten. Dieses "Überwachsen“, wie ich es früher nannte, stellte sich bei weiterer Erfahrung als eine Niveauerhöhung des Bewußtseins heraus. Irgendein höheres und weiteres Interesse trat in den Gesichtskreis, und durch diese Erweiterung des Horizontes verlor das unlösbare Problem die Dringlichkeit. Es wurde nicht in sich selber logisch gelöst, sondern verblaßte gegenüber einer neuen und stärkeren Lebensrichtung. Es wurde nicht verdrängt und unbewußt gemacht, sondern erschien bloß in einem anderen Licht, und so wurde es auch anders. Was auf tieferer Stufe Anlaß zu den wildesten Konflikten und zu panischen Affektstürmen gegeben hätte, erschien nun, vom höheren Niveau der Persönlichkeit betrachtet, wie ein Talgewitter, vom Gipfel eines hohen Berges aus gesehen. Damit ist dem Gewittersturm nichts von seiner Wirklichkeit genommen, aber man ist nicht mehr darin, sondern darüber. Da wir aber in seelischer Hinsicht Tal und Berg zugleich sind, so sieht es aus wie eine unwahrscheinliche Einbildung, daß man sich jenseits des Menschlichen fühlen sollte. Gewiß empfindet man den Affekt, gewiß ist man erschüttert und gequält, aber zugleich ist auch eine jenseitige Bewußtheit fühlbar vorhanden, eine Bewußtheit, die verhindert, daß man mit dem Affekt identisch wird, eine Bewußtheit, die den Affekt zum Objekt nimmt, die sagen kann: Ich weiß, daß ich leide. Was unser Text von der Trägheit sagt, nämlich „Trägheit, deren man nicht bewußt ist, und Trägheit, deren man bewußt wird, sind tausend Meilen weit voneinander entfernt", das gilt auch in vollstem Maße vom Affekt.

Was sich hie und da in dieser Hinsicht ereignete, nämlich daß einer aus dunkeln Möglichkeiten sich selber überwuchs, wurde mir zu wertvollster Erfahrung. Ich hatte nämlich inzwischen einsehen gelernt, daß die größten und wichtigsten Lebensprobleme im Grunde genommen alle unlösbar sind; sie müssen es auch sein, denn sie drücken die notwendige Polarität, welche jedem selbstregulierenden System immanent ist, aus. Sie können nie gelöst, sondern nur überwachsen werden. Ich fragte mich daher, ob diese Möglichkeit des Überwachsens, nämlich der weiteren seelischen Entwicklung, nicht überhaupt das normal Gegebene und darum das Steckenbleiben an oder in einem Konflikt das Krankhafte sei. Jeder Mensch müßte eigentlich jenes höhere Niveau wenigstens als Keim besitzen und diese Möglichkeit unter günstigen Umständen entwickeln können. Wenn ich den Entwicklungsgang jener betrachtete, welche stillschweigend, wie unbewußt, sich selber überwuchsen, so sah ich, daß ihre Schicksale insofern alle etwas Gemeinsames hatten, nämlich das Neue trat aus dem dunkeln Felde der Möglichkeiten von außen oder von innen an sie heran; sie nahmen es an und wuchsen daran empor. Es schien mir typisch zu sein, daß die einen es von außen und die anderen es von innen nahmen oder vielmehr, daß es dem einen von außen und dem anderen von innen zuwuchs. Nie aber war das Neue ein Ding allein von außen oder allein von innen. Kam es von außen, so wurde es innerstes Erlebnis. Kam es von innen, so wurde es äußeres Ereignis. Nie aber war es absichtlich und bewußt gewollt herbeigeschafft worden, sondern es floß vielmehr herbei auf dem Strom der Zeit.